Flugzeugentführung in Tbilissi

18. November 1983

Am 18. November 1983 entführte eine Gruppe junger Menschen aus Georgien ein Flugzeug des Linienflugs 6833 der sowjetischen Fluggesellschaft Aeroflot, das eigentlich nach einem Zwischenstopp in der georgischen Hafenstadt Batumi nach Leningrad fliegen sollte. Als neues Ziel sollte die Türkei dienen. An Bord der Maschine befanden sich 57 Passagiere und sieben Besatzungsmitglieder. Die Entführung endete mit mehreren Toten und einem Prozess mit Todesurteilen. 

Diese Entführung ging als eines der markantesten Ereignisse in Georgien im 20. Jahrhundert in die Geschichte des Landes ein. Die Entführung wurde in mehreren Filmen, Theaterstücken und Büchern aufgearbeitet. Und auch dieses Ereignis wird begleitet von einem Namen, der die Geschichte in Georgien über Jahrzehnte hinweg begleitet hat: Eduard Schewardnadse.

Entführer mit künstlerischem Hintergrund

Die Entführer entstammten alle der gebildeten Oberschicht im sowjetischen Georgien, oft nach russischer gesellschaftlicher Einordnung als Intelligenzija bezeichnet. Paata und Kachi Iverieli waren Ärzte. Drei von ihnen, Gia Tabidze, Davit Mikaberidze und Soso Zereteli waren Maler. Gega Kobachidze war mit 21 Jahren schon ein bekannter Schauspieler. Er war eng mit Irakli Tscharkwiani befreundet, der ab den 1990er Jahren bis zu seinem Tod 2006 ein bekannter georgischer Musiker war. Dieser entstammte ebenfalls einer Familie aus der kommunistischen Oberschicht, was aber das harte Vorgehen der Machthaber nicht behinderte.

Vorgeschichte

Die Entführung von Aeroflot 6833 war keine spontane Aktion. Sie hatte eine mehrere Wochen währende Vorgeschichte. Gega Kobachidze entstammte einer Künstlerfamilie. Er hatte bereits als Kind vor der Kamera gestanden und in mehreren Filmen mitgespielt. Zum Zeitpunkt der Entführung hatte er gerade mit dem berühmten Regisseur Tengis Abuladze Dreharbeiten zum Film „Die Reue“ begonnen. Dafür brauchte er eine Schallplatte. Dadurch lernte er Davit Mikaberidze kennen, der über eine größere Sammlung von Tonträgern verfügte. Über ihn lernte er Soso Zereteli kennen, der ebenso wie Mikaberidze an der Akademie für Bildende Künste studierte. Mikaberidze und Zereteli waren beide sehr religiös, was bei den Sowjets schon einen Konflikt mit dem Staat mit sich brachte. Zereteli war zuvor als einer der ersten Messdiener für den Patriarchen der georgisch-orthodoxen Kirche Ilia II. tätig. 

Mikaberidze trug sich schon seit längerem mit dem Plan, die Sowjetunion zu verlassen. Er hatte bereits mehrere erfolglose Versuche dazu unternommen. So war er in die Teilrepublik Abchasien gereist. Kobachidze besuchte ihn dort an der Küste des Schwarzen Meeres. Einen Plan, über Odessa ins Ausland zu fliehen, lehnte er ab. 

Kobachidze schlug sich mit depressiven Stimmungen herum. Dies änderte sich, als er Tina Petwiaschwili kennenlernte. Beide sahen sich im Kino das Scheidungsdrama „Kramer gegen Kramer“ an. Dieser Film hatte Folgen: Sie beschlossen, ins Ausland zu fliehen. 

Zereteli hatte Kobachidze nach einer durchzechten Nacht gebeten, ihn zu einem Freund zu bringen. Dies war der orthodoxe Priester Theodor. Während Zereteli recht bald einschlief, redete Kobachidze die ganze Nacht mit dem Priester, der auch nicht sehr gut auf die Sowjetunion zu sprechen war. Dieser Priester war nicht an der Entführung beteiligt, sollte aber später auch sein Leben verlieren.

Eine andere Entführung

Eine ähnliche Entführung einer Linienmaschine aus Georgien hatte es bereits zuvor gegeben. Am 15. Oktober 1970 hatten zwei Männer aus Litauen, Vater und Sohn, mit Waffengewalt einer in Batumi startende Maschine entführen wollen. Die Stewardess schlug Alarm und wurde erschossen. Der zweite Pilot entschied sich, dem Druck den Entführer nachzugeben und flog die Maschine in die Türkei. Hier ergaben sich die Entführer. Sie wurden zu Haftstrafen verurteilt und reisten später in die USA aus. Im Jahr 2002 kam es dann in ihrer neuen Heimat Kalifornien zu einem Streit zwischen beiden, bei denen der Sohn den Vater erschoss. 

Eine solche Entführung sollte sich, so heißt es in den georgischen Quellen, nicht noch einmal wiederholen. 

Planung

Die jungen Erwachsenen schmiedeten mehrere Pläne zur Flucht. Am Ende der Überlegungen kristallisierte sich der Plan zu einer Flugzeugentführung heraus. Waffen für diese Entführung sollten im Brautkleid der einzigen Frau in der Gruppe geschmuggelt werden. Denn Gega Kobachidze und Tina Petwiaschwili wollten heiraten.

Die Entführung scheitert

Kobachidze und Petwiaschwili feierten am 17. November ihre Hochzeit. Am 18. November 1983 fuhren beide mit einem Taxi zum Flughafen in Tbilissi, wo sie auf die anderen Mitglieder der Gruppe trafen. Auch zwei weitere Freundinnen von Petwiaschwili stiegen ins Flugzeug ein, ohne kontrolliert zu werden. Eine Freundin, die am Flughafen arbeitete, hatte eine Tasche für die Gruppe mitgenommen. Was diese Freundin nicht wusste: In dieser Tasche befanden sich ein Revolver und zwei Handgranaten. 

Die Maschine startete um 16:10 Uhr vom Flughafen in Richtung Batumi, nach rund 40 Minuten sollte dieser Teil des Flugs beendet sein. In den ersten Minuten schien der Flug auch normal zu verlaufen. Dann änderte der Pilot den Kurs und kehrte zum Flughafen in Tbilissi zurück. Der Grund dafür waren schlechte Wetterverhältnisse. 

Unter den Entführern brach Panik aus. Sie wollten nun ihr Vorhaben durchziehen. Kacha Iverieli stand von seinem Platz auf. Zereteli und Mikaberidze gingen zu den Stewardessen. Paata Iverieli griff sich eine Sektflasche. Sie hatten gehört, dass bei einem Flug der Aeroflot immer ein Agent des KGB im Flugzeug sei. Ein Mann mittleren Alters in einem Mantel vorne im Flugzeug schien auf diese Beschreibung zu passen. Paata ließ die Flasche leer laufen und schlug den Mann damit nieder. Nach Berichten mehrerer Quellen starb der Mann anschließend. Der Vorfall war sinnlos: Der Mann war kein Agent des KGB.

Sein Bruder verletzte einen weiteren Flugbegleiter, zwang dann eine Stewardess mit einem Griff in die Haare, ihn über das Bordtelefon mit dem Cockpit zu verbinden. 

Tabidze und Kacha Iverieli gingen zum Cockpit und verlangten, in die Türkei geflogen zu werden. Die Besatzung vorne in der Maschine war jedoch nicht bereit, sich dem Willen der Entführer zu beugen. Der Navigationsoffizier schoss auf die Entführer. Dabei wurden der Bordingenieur und Tabidze tödlich getroffen. Kacha Iverieli wurde verletzt. Es kam zu mehreren Schusswechseln, die sich in der Kabine fortsetzten. Unter den Passagieren brach Panik aus. Ein Passagier wurde tödlich von einer Kugel getroffen. 

Die Piloten forderten eine Stewardess auf, die Leiche von Tabidze aus dem Cockpit in die Kabine zu schleppen. Dann schlossen sie die Tür des Cockpits von innen ab. 

Um 16:41 Uhr landete die Maschine wieder in Tbilissi. Den Entführern wurde nun klar, dass ihr Vorhaben gescheitert war. Davit Mikaberidze brachte sich mit einem Kopfschuss um. 

Kaum eine Minute nachdem die Maschine gelandet war, nehmen Soldaten der 8. Legion die Tupolew unter Feuer. Paata Iverieli rief die Passagiere auf, ihre Hände von innen auf die Seitenscheiben der Maschine zu legen, um zu zeigen, dass man unbewaffnet sei. Die Soldaten beeindruckte dies nicht, sie schossen weiter auf das Flugzeug. Dabei wurden 21 Menschen verletzt, die meisten von ihnen Passagiere, aber auch einer der Piloten und Kobachidze. 

Zwei Stewardessen öffneten nun einen Notausgang und wollten das Flugzeug verlassen. Die Soldaten erschossen dabei eine von ihnen. Die Stewardess fiel aus der Maschine und blieb tot auf dem Rollfeld liegen. Die Schuld für ihren Tod schob man später Zereteli zu, der wegen einer stark blutenden Verletzung am Hals aber nicht mehr in der Lage zu einem Schuss gewesen wäre.

Schewardnadse fordert sondereinheiten an

Der Erste Sekretär der Kommunistischen Partei in Georgien, Eduard Schewardnadse, schaltete sich nun in die Vorgänge ein. Er forderte eine Sondereinheit des KGB aus Moskau an. Auf der anderen Seite gab man vor, mit den Entführern verhandeln zu wollen. Die Eltern der Entführer versuchten Schewardnadse vergeblich davon abzuhalten, das Flugzeug erstürmen zu lassen. 

Um 6:45 stürmte die Sondereinheit die Maschine. Der ganze Vorgang dauerte acht Minuten. Dabei kamen zwei weitere Entführer ums Leben, die überlebenden wurden verhaftet. Am Flugzeug fand man später 63 Einschusslöcher. Die Verletzten brachte man ins Krankenhaus. Soso Zereteli erlag wenige Tage später seinen Verletzungen.

Prozess und Hinrichtungen

Eduard Schewardnadse bezeichnete die Entführer als „Drogenabhängige“ und „Banditen“. Die Gefangenen durften im Gefängnis keine Briefe schreiben. Besuche durften sie auch nicht bekommen. 

Einige Monate nach der Entführung wurde auch Priester Theodor verhaftet. Obwohl es sehr wahrscheinlich ist, dass er von der Entführung nichts wusste, stellte die sowjetische Justiz ihn als Anführer der Gruppe dar. Die Kirche selbst unternahm recht wenig, um das Leben ihres Priesters zu schützen. Auch er wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet. Man geht heute davon aus, dass das Sowjetische Regime damit seine Macht gegenüber der Kirche unter Beweis stellen wollte. 

Im August 1984 begann der Prozess gegen die Entführer. Die bislang überlebenden wurden zum Tode verurteilt, Tina Petviashvili erhielt 14 Jahre Haft. Sie war zum Zeitpunkt der Entführung schwanger. In der Haft wurde das Kind dann gegen ihren Willen im fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft abgetrieben, denn eine schwangere Frau oder eine junge Mutter hätten beu den Sowjets vor Gericht nicht gut ausgesehen.

Dann wurden die Verurteilten getötet. Die Gräber der Hingerichteten sind bis heute nicht bekannt. Lediglich das Grab von Soso Zereteli wurde später von den Angehörigen gefunden. Seine sterblichen Überreste waren bereits zu einem großen Teil verwest. Die Jeans jedoch, in der er begraben wurde, war noch sehr gut erhalten. Und anhand dieser Hose konnte er identifiziert werden.

Die sowjetische Führung rächte sich in gewohnter Weise an den Familien der Entführer. Diese wurden Repressalien ausgesetzt, viele von ihnen verloren auf Befehl der Kommunistischen Partei ihre Arbeit.

Echo der Entführung

Die Entführung und ihre Folgen sorgten in Georgien schon direkt nach den Ereignissen für ein reges Echo. Es gab Menschen, die das Vorgehen der Entführer nicht verstehen konnten. Da die Entführer aus gut situierten Verhältnissen stammten, hätten sie doch das ganze Leben vor sich gehabt. Andere Stimmen hingegen sahen die Entführung als eine Heldentat von jungen, gut gebildeten Menschen, die der Enge der Sowjetunion entfliehen wollten. 

Schewardnadse wurde später vorgeworfen, er habe sich mit dem harten Vorgehen gegen die Entführer in der Kommunistischen Partei profilieren wollen. Dies war auch nach der Unabhängigkeit Georgiens und selbst zu seinem Tod 2014 ein Thema in den Medien in Georgien.

Künstlerische Aufarbeitung

Tengis Abuladse stellte seinen Film „Die Reue“ gezwungenermaßen ohne Gega Kobachidze fertig, die bereits mit ihm fertig gestellten Szenen mussten neu gedreht und seine Rolle neu besetzt werden. 

Der georgische Autor Dawit Turaschwili hat die Entführung multimedial aufgearbeitet. Ein Theaterstück mit dem Arbeitstitel „Flugzeug-Jungen“ wurde vom Staatlichen Marjanischwili Theater abgelehnt. 2001 erlebte das Stück dann unter dem Namen „Jeans Generation, verspätetes Requiem“ seine Uraufführung im Freien Theater in Tbilissi. Unter dem Namen „Jeansgeneration“ erschien die Romanfassung des Stücks in mehreren Sprachen. 

Der georgische Filmemacher Sasa Rusadze drehte im Jahr 2002 den Dokumentarfilm „Banditen“. Der Film lässt u. a. die einzige Überlebende Teilnehmerin der Entführung, Tina Petwiaschwili, zu Wort kommen. Auch die Passagiere der entführten Maschine äußern sich zu den Vorgängen. Links zu online verfügbaren Versionen des Films finden Sie unten in der Linkliste. 

Auf der Berlinale 2017 wurde neben dem Beitrag „My Happy Family“ auch der Film „Hostages“ als zweiter georgischer Beitrag gezeigt. Der Film beschäftigt sich mit der Entführung.

Weitere Informationen

  • Der Dokumentarfilm „Banditen“ des georgischen Filmemachers Sasa Rusadze befasst sich mit der Entführung. Dieser ist bei Youtube in deutscher, georgischer und englischer Version verfügbar. 
  • Deutsche Übersetzung des Buchs von David Turaschwili - Westflug - Besprechung des Buches
  • Wangfluss - Blog mit Bildern der Entführer und vom Prozess
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