Aufstand der Georgier auf Texel

Rebellion georgischer Soldaten der Wehrmacht

Im II. Weltkrieg zogen rund 700.000 Georgier für die Rote Armee in den Krieg. Bezogen auf die Zahl der damals in Georgien lebenden Menschen waren dies rund 20% Bevölkerung. Etwa die Hälfte von ihnen kamen im Krieg uns Leben.

30.000 Georgier in Wehrmacht

Rund 30.000 aus Georgien stammende Soldaten dienten in den Reihen der Wehrmacht. Sie waren Teil der Ostlegionen. Diese hatte die Wehrmacht eingerichtet, nachdem es nicht gelungen war, die Sowjetunion im Rahmen des „Unternehmens Barbarossa“ durch einen Blitzkrieg zu erobern. Die Ostlegionen wurden für Sicherungsmaßnahmen herangezogen und rekrutierten sich aus nicht-russischen Ethnien der besetzten Gebiete und Kriegsgefangenen. Die Bataillone bestanden aus jeweils 800 Soldaten in fünf Kompanien. Insgesamt gab es acht georgische Bataillone in der deutschen Wehrmacht. 

Viele der georgischen Soldaten zogen den Dienst in deutschen Reihen der Kriegsgefangenschaft vor, in der sie unter Hunger, Misshandlungen und Zwangsarbeit zu leiden hatten. Einige von ihnen sahen im Dienst in der Wehrmacht auch eine Chance, das verhasste System der Sowjetischen Besatzung in Georgien loswerden zu können. 

Stalin, selbst Georgier, hatte Kriegsgefangene aus den Reihen der Roten Armee als Verräter gebrandmarkt. Ein sowjetischer Soldat habe sich nicht zu ergeben, sondern habe sein Leben im Kampf für die Sowjetunion zu opfern, so die Meinung Stalins, während er selber der Front stets fern blieb. Wie ernst er es damit meinte, zeigt das Schicksal seines Sohnes Jakow Dschugaschwili: Stalin lehnte einen Austausch für die Freilassung seines Sohnes ab und verleugnete ihn. Jakow starb 1943 im Zaun des KZ Sachsenhausen.

Das 822. Georgische Infanteriebataillon „Königin Tamar“

Die Wehrmacht begann gegen Ende des Krieges damit, Verbände aus georgischen Kriegsgefangenen an der Ostfront zusammenzustellen. Damit sich die diese nicht später mit den eigenen Soldaten verbrüdern konnten, wurden diese Verbände nach Westen verlegt. Rund 800 aus Georgien stammende Soldaten wurden auf die Nordseeinsel Texel verlegt. Hier wurde das 822. Georgische Infanteriebataillon „Königin Tamar“ stationiert. Dieses Bataillon hatte bereits 1943 und 1944 an Kampfhandlungen in Frankreich teilgenommen. Neben den rund 800 Soldaten aus Georgien gehörten diesem Bataillon auch 400 deutsche Soldaten der Wehrmacht an.

Texel bislang von Krieg verschont

Die Nordseeinsel Texel selber war auch nach fünf Jahren Krieg von Kriegshandlungen weitgehend verschont geblieben. Nach dem Beginn des Krieges gegen die Niederlande hatte die deutsche Wehrmacht die Insel besetzt. Die exponierte Lage der Insel als südlichstes Ende der Kette der friesischen Inseln hatte dazu geführt, dass die Wehrmacht die Insel massiv befestigt hatte. Dort entstanden im Zuge der Errichtung des Atlantikwalls zum Schutz gegen eine Invasion zahlreiche Bunkeranlagen. Mehrere Hundert Männer waren nach Texel deportiert worden. Sonst blieb das Leben auf Texel relativ normal.

Erste Rachepläne nicht umgesetzt

Die georgischen Soldaten hingegen hatten zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits damit begonnen, Rachepläne zu schmieden. Gabierlowitsch Congladze, einer der überlebenden georgischen Soldaten, sagte zu seiner Motivation befragt später, man habe nur auf den richtigen Zeitpunkt gewartet, nämlich darauf, dass man Waffen besitze. Der Dienst in der Armee des Feindes sei auf jeden Fall besser gewesen als die Kriegsgefangenschaft, in der man Misshandlungen und Hunger ausgesetzt gewesen sei. 

Bereits zuvor hatten die georgischen Soldaten Kämpfer des Widerstands in den Niederlanden mit Waffen und Munition aus den deutschen Vorräten versorgt, als sie noch auf dem Festland stationiert waren. Eine Rebellion gegen die Wehrmacht hatten sie mehrfach ins Auge gefasst. Sie planten sogar gegen Ende 1944 einen Marsch auf Amsterdam. Alle diese Pläne setzten sie jedoch nicht um. Dann wurde die Einheit nach Texel verlegt.

Gutes Verhältnis zwischen Deutschen und Georgiern

Anfang Juni 1944 hatte die Invasion der Alliierten nicht wie von der deutschen Seite erwartet bei Calais oder in den Niederlanden begonnen, sondern in der Normandie. In Texel gab es nun Soldaten, aber es war über die Monate recht ruhig geblieben. Die 400 deutschen und 800 georgischen auf Texel stationierten Soldaten hatten ein gutes Verhältnis miteinander. Zeitzeugen berichteten, dass man miteinander feierte, trank und sang. Der deutsche Inselkommandant Klaus Breitner gab später an, er habe seinen georgischen Soldaten blind vertraut. Dies war auch im Frühjahr 1945 der Fall.

Tag der Geburt

Im April 1945 spitzte sich die Lage für die georgischen Soldaten zu. Die deutsche Wehrmacht wollte 500 von ihnen auf das Festland in den Osten der Niederlande verlegen, um sie dort gegen die anrückenden Armee der Alliierten in den Kampf zu werfen. Damit reifte bei den georgischen Soldaten der Plan zu einem Aufstand. Der Plan nannte sich „Tag der Geburt.“

Aufstand am 6. April 1945

Am 6. April 1945 um 1:00 Uhr begann der Aufstand. Die georgischen Soldaten benutzten Bajonette und Messer, die sie sonst für die Rasur nutzten. Damit schlitzten sie vielen deutschen Soldaten die Kehle durch. Der Aufstand sollte still voran getrieben werden. Gefangene sollten nicht gemacht werden, Gegner wurden sofort exekutiert. Diese brutale Maxime übernahm später auch die deutsche Wehrmacht. 

Zu Beginn lief der Aufstand sehr gut. Bis zum Morgen hatten die georgischen Soldaten bereits 450 deutsche Soldaten umgebracht, viele von ihnen waren im Schlaf überrascht worden. Es gelang ihnen, das deutsche Hauptquartier Texla zu übernehmen. Der Kommandant selber konnte fliehen und sich in den Süden der Insel absetzen, wo eine deutsche Batterie stationiert war. Er stand auf der Todesliste der Aufständischen ganz oben. Bei der Flucht befahl er einem Offizier, vor ihm zu laufen. Der Offizier wurde von einer Kugel tödlich getroffen, der Kommandant überlebte.

Alle sofort liquidieren

Adolf Hitler wurde in Berlin von dem Aufstand in Kenntnis gesetzt. Binnen kurzer Zeit antworte Hitler mit der Aufforderung: „Alle sofort liquidieren“. Diesen Befehl setzte die Wehrmacht in den kommenden Tagen um. Es wurde ein blutiges Gemetzel, dass sich über Wochen hinzog – länger als der II. Weltkrieg noch dauern sollte. Denn in den Augen der deutschen Soldaten waren die georgischen Waffenbrüder nun Verräter, die die Uniform der deutschen Wehrmacht nicht tragen sollten. 

Die Einheit der deutschen Wehrmacht auf Texel bekam Verstärkung vom Festland. Es entbrannte ein gnadenloser Kampf um die Insel. Dabei gab es vor allem um den Flugplatz und den Leuchtturm heftige Gefechte, die sich über Wochen in die Länge zogen. Die deutsche Wehrmacht feuerte mit Kanonen aus den Stellungen im Süden der Insel und setzte Panzer ein. Dabei feuerten sie alleine 2000 Granaten auf die Hauptstadt Den Burg ab, wodurch viele Zivilisten in der bislang vom Krieg verschonten Stadt ums Leben kamen. 

Bei diesen Kämpfen konnte die Wehrmacht nun Geländegewinne erzielen. Das Hauptquartier Texla kam wieder in deutsche Hand, der wichtigste Hafen auf Texel wurde zurückerobert. 

Die Wehrmacht schickte junge, unerfahrene Soldaten aus der Marine auf die Insel. Diese sollten Texel nach Norden hin durchkämmen. Dabei kamen viele von ihnen im ungeschützten Gelände ums Leben. 

Die georgischen Soldaten verlegten sich zu diesem Zeitpunkt auf eine Guerillastrategie. Ihre Scharfschützen griffen deutsche Soldaten aus dem Hinterhalt an. Sie zogen sich mit dem fortschreitenden Kampf in Minenfelder zurück, in die sich die Soldaten der Wehrmacht nicht hineinwagten. Zudem versteckten sie sich in Waldstücken, Scheunen oder einfach in Erdlöchern, von wo aus die als Scharfschützen agierten. Zwei Scharfschützen bezogen Stellung in hochliegenden Türmen, von wo aus sie zahlreiche deutsche Soldaten erschossen. Als die Wehrmacht ihre Stellungen schließlich stürmte, begingen sie Selbstmord.

Keine Gefangenen

Der Kampf wurde von beiden Seiten mit gnadenloser Härte geführt. Zu Beginn hatten bereits die georgischen Soldaten keine Gefangenen gemacht. Dies setzt die Wehrmacht nun ebenfalls um. Georgische Soldaten, die sich ergaben oder gefangen genommen wurden, exekutierten die deutschen Soldaten umgehend. Viele georgische Soldaten mussten ihr eigenes Grab schaufeln und wurden dann erschossen. Zuvor mussten sie die Wehrmachtsuniform ausziehen, denn in den Augen der deutschen Wehrmacht waren sie nicht würdig, deren Uniform zu tragen.

Kämpfe gehen trotz Ende des Kriegs weiter

Ende April hatte die deutsche Wehrmacht zwar alle strategisch wichtigen Punkte auf Texel zurückerobert. Diese bedeutete aber nicht das Ende der Kampfhandlungen, denn die georgischen Soldaten setzten ihre Guerillastrategie weiter fort und griffen die deutschen Soldaten aus dem Hinterhalt an. Der deutsche Kommandant gab später an, man sei sich zwar bewusst gewesen, dass der Krieg verloren sei und bald zu Ende gehen würde, habe aber aus Rache gegenüber den Georgiern weiter gekämpft. 

Dabei ging die deutsche Wehrmacht auch hart gegen die Zivilbevölkerung auf Texel vor. Bauernhöfe und Häuser von Niederländern, die georgischen Soldaten Zuflucht gewährt hatten, wurden niedergebrannt. 

So hielten die Kämpfe auch nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 weiter an. Am 20. Mai 1945 landete das 1. kanadische Armeekorps auf Texel. Erst dieser Schritt beendete die Kampfhandlungen auf Texel.

Rund 3.000 Todesopfer

Der Aufstand der Georgier auf Texel forderte rund 3.000 Todesopfer. Die Zahlen gehen dabei in den Quellen auseinander. 

Der Kommandant der kanadischen Einheit, die Ende Mai 1945 auf Texel gelandet war, zählte die Verluste der Georgier auf 470 Mann, die deutschen Verluste auf 2347. Andere Quellen nennen 565 georgische und 800 deutsche Todesopfer. Die Zahl der getöteten Texelaner liegt in allen Quellen recht nah beieinander bei 117 bis 120 Todesopfern.

Georgischer Friedhof

Der größte Teil der georgischen Gefangenen ist auf dem Friedhof Loladze auf dem Hoge Berg beigesetzt worden. Dort findet jedes Jahr eine Gedenkveranstaltung der Angehörigen statt.

Überlebende Georgier kamen ins Straflager

Nach dem Ende der Kampfhandlungen gab es 228 Überlebende des 822. Georgischen Infanteriebataillons „Königin Tamar“. Die Siegermächte hatten bei der Konferenz von Jalta vereinbart, dass diese Soldaten in die Sowjetunion zurückgebracht werden sollten. Dies wurde mit Gewalt durchgesetzt. Stalin schickte seine georgischen Landsleute in Straflager.

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