Als Georgien die Sprache nicht verlor

Warum es den Tag der georgischen Muttersprache gibt

Der 14. April ist in Georgien der Tag der Muttersprache. Dieser Tag wird nicht offiziell als Feiertag begangen, ist aber ein wichtiger Tag im Angedenken an die Geschichte Georgiens in der Zeit der Sowjetunion. Denn an diesem Tag errangen die Menschen in Georgien einen Sieg gegen den Willen der Sowjetunion, die georgische Amtssprache durch die russische Sprache zu ersetzen.

Neue Verfassung in der Sowjetunion

Die Sowjetunion hatte sich im Oktober 1977 eine neue Verfassung gegeben. Als Folge dieser Entscheidung hatte der Oberste Sowjet der Georgischen Sozialistischen Sowjetrepublik (SSR) eine Änderung der eigenen Verfassung geplant. Diese sah vor, im Gegensatz zur 1936 verabschiedeten Verfassung die georgische Amtssprache durch russisch zu ersetzen. 

Gegen diesen Plan regte sich Widerstand in Georgien. Es gab Kundgebungen mit Tausenden von Demonstranten. Der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Georgiens, Eduard Schewardnadse, machte sich im Frühjahr 1978 einen Namen damit, dass er zwischen den Georgiern und der sowjetischen Führung in Moskau verhandelte. Es gelang ihm, dass der Plan zur Einführung einer neuen Amtssprache in Georgien zu den Akten gelegt wurde. 

Im Kaukasus haben solche Entscheidungen oft weitreichende Folgen. In diesem Fall wurde die Entscheidung zum Rückzug des Plans in Georgien begrüßt, in der Teilrepublik Abchasien jedoch mit Missfallen aufgenommen. Die Vorsitzenden der Kommunistischen Partei der Teilrepublik protestierten in Moskau gegen diese Entscheidung. Sie sahen darin eine Kapitulation der Führung in Moskau vor einem Nationalmus in Georgien. Deshalb forderten sie, ihre Teilrepublik aus dem Verband Georgiens zu lösen und von der Sowjetunion verwalten zu lassen. Dieser Vorschlag wurde fallengelassen, es gab jedoch eine Reihe von kulturellen und wirtschaftlichen Zugeständnissen an die Teilrepublik.

Erstarkender Nationalismus

In den späten 1970er Jahren hatte es in Georgien ein Erstarken nationaler Gedanken gegeben. Diese hatten eine Auswirkung in einer Renaissance der georgischen Kultur. Es gab jedoch auch radikale Forderungen, die eine komplette Eigenständigkeit Georgiens zum Ziel hatten. Dies führte bei den Minderheiten in Georgien zu einer alarmierten Stimmung, vor allem in der Teilrepublik Abchasien. Die Intellektuellen in der Opposition in Georgien hatten einen engen Kontakt zu den Dissidenten in der Sowjetunion, wobei vor allem Andrej Sacharow eine wichtige Person war. 

Als Reaktion auf diese Bestrebungen ging der KGB seit Anfang 1977 gegen die Dissidenten in Russland vor. Dann nahm sich der KGB die georgischen Abweichler vor. Die georgischen Oppositionsführer Merab Kostawa und Swiad Gamsachurdia wurden im April 1977 verhaftet. Eine Schwächung der Opposition in Georgien erreichten die Sowjets mit den Verhaftungen nicht, andere traten nun als Führer der Opposition in Georgien auf, darunter Tamar Tschcheidse, Awtandil Imnadse, Giorgi Tschanturia und Irakli Zereteli. Viele Publikationen wurden gegründet, die im Untergrund verbreitet wurden.

Höhepunkt der Proteste am 14. April 1978

In den folgenden Monate kam es immer wieder zu Protesten gegen die russischen Pläne. Diese erreichten ihren Höhepunkt am 14. April 1978. An diesem Tag trat der Oberste Sowjet der Georgischen SSR zusammen, um die neue Gesetzgebung zu verabschieden. Um dagegen zu protestieren, versammelten sich rund 20.000 Demonstranten in den Straßen von Tbilissi, der überwiegende Teil von ihnen Studenten. Mehrere Redner forderten zum Widerstand gegen den Artikel 75 auf, der die Abschaffung der georgischen Sprache als Amtssprache zum Inhalt hatte. Auf Flugblättern wurde zum landesweiten Protest aufgefordert. 

Die Demonstranten marschierten zum Sitz der Regierung in der Innenstadt von Tbilissi. Der Polizei gelang es, den Marsch mehrerer Tausend Demonstranten aufzuhalten. Trotzdem gelang es rund 5.000 Demonstranten, bis zum Sitz der Regierung vorzudringen. Dieses wurde nach kurzer Zeit von Soldaten abgesichert. Die übrigen Demonstranten versammelten sich nun vor der Staatlichen Universität in Tbilissi. 

Nun lag die Gefahr einer Eskalation in der Luft. Bei dem Demonstranten machten Gerüchte die Runde, dass sich sowjetische Truppen auf einen Einsatz gegen die Demonstranten vorbereiteten. Unbegründet war diese Angst nicht, denn 22 Jahre zuvor hatten sowjetische Soldaten an gleicher Stelle vor dem Sitz der Regierung ein Blutbad mit geschätzt 150 Toten angerichtet, und 11 Jahre später gab es am gleichen Ort 20 Tote. 

In dieser angespannten Lage wandte sich der Erste Sekretär der Kommunistischen Partei Georgiens, Eduard Schewardnadse, direkt mit einer Rede an die Demonstranten. Er erinnerte die Demonstranten an die Vorgänge von 1956. Schewardnadse wurde von den Demonstranten ausgebuht. Er reagierte schnell und nahm Kontakt mit Moskau auf, um den Artikel 75 unverändert zu lassen. Während man in Moskau beriet, trat Schewardnadse erneut vor die Demonstranten, erklärte die Lage und bekundete seine Sympathien mit ihrem Anliegen. Schließlich beugte sich die Regierung dem Druck der Straße und änderte den Artikel 75 nicht. Schewardnadse verkündete den Passus vor den Demonstranten, diese begannen daraufhin die Proteste zu beenden.

Nachwirkungen der Demonstrationen

Als Folge der Demonstrationen in der Georgischen SSR nahm die sowjetische Führung in Moskau Abstand von dem Plan, ähnliche Änderungen auch in den Verfassungen anderer Republiken in der Sowjetunion zu verankern. Dies galt für Armenien und Aserbaidschan. 

Die Teilrepublik Abchasien bekam nach den Demonstrationen in Tbilissi weitreichende Unterstützungen wirtschaftlicher Art. Zudem wurden eigene Fernsehprogramme eingerichtet. Die in der georgischen Teilrepublik lebenden ethnischen Georgier beklagten sich in den kommenden Jahren mehrfach über Diskriminierung. Im Jahr 1981 gab es mehrere Demonstrationen in Georgien, bei denen es um die Teilrepublik ging. 

Bei diesen Demonstrationen verlangten die Teilnehmer auch die Freilassung von Avtandil Imnadze. Er war als Einziger am 14. April 1978 festgenommen worden, weil er die Demonstration der Studenten gefilmt hatte. Swiad Gamsachurdia wurde im April 1979 begnadigt. Er hatte sich dem Druck der sowjetischen Machthaber gebeugt und bereute seine nationalistischen Ansichten im Fernsehen. Merab Kostava hingegen blieb standhaft bei seinen Ansichten und daher weiter in Haft, bis er 1987 freigelassen wurde. Er wurde unter nicht geklärten Umständen 1991 durch einen Autounfall getötet. 

Schewardnadse hingegen hatte keine Konsequenzen zu tragen. Er hatte zwar, was die Amtssprache anging, die Positionen der Demonstranten übernommen, war aber im Amt geblieben, nach Ansicht von Beobachtern wegen seiner damals erfolgreichen Wirtschaftspolitik in der Georgischen SSR. Gegen Dissidenten ging er weiterhin hart vor.

Tag der Muttersprache seit 1990

Nach der Unabhängigkeit Georgiens wurde der 14. April im Andenken an die Demonstration ab dem Jahr 1990 als Gedenktag eingeführt.

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