Ilia Tschawtschawadse

Ilia Tschawtschawadse wurde am 27. Oktober (westlicher Kalender) bzw. am 8. November (orthodoxer Kalender) 1837 in Kwareli im Tal des Alasani in der Provinz Kacheti in Ostgeorgien geboren. Ilia war das dritte Kind der Familie. Er entstammte einer georgischen Adelsfamilie: sein Vater war der Fürst Grigol Tschawtschawadse, seine Mutter Mariam Beburischwili. Seine Eltern waren gebildet und belesen, vor allem seine Mutter führte ihn schon früh in die klassischen Werke der georgischen Literatur ein.

Adlige Abstammung ohne wirtschaftliche Sicherheit

Die Familie hatte 1726 von König Constantine II. den Rang einer Prinzenfamilie erhalten. Sein Urgroßvater Bespas Tschawtschawadse hatte 1755 von König Erekle einen Adelstitel erhalten, nachdem er in Kwareli erfolgreich 20.000 persische Angreifer abwehren konnte. 

Sein Vorfahr Garsewan Tschawtschawadse war Ende des 18. Jahrhunderts Botschafter Georgiens beim russischen Zarenhof. Er hatte 1783 den Vertrag von Georgijewsk ausgehandelt und unterzeichnet, der eine Unterstützung durch das russische Zarenreich bringen sollte, jedoch die Annektierung Georgiens durch Russland zur Folge hatte. 

Sein Vater Grigol Tschawtschawadse war mit Aufgaben zur Grenzsicherung beschäftigt. Er wehrte mehrere Angriffe aus Dagestan ab. Das Wohnhaus der Familie war mit Wehranlagen gegen unbefugtes Eindringen gesichert, heute ist es als Museum zugänglich. 

Eine wirtschaftliche Sicherheit bedeutete die blaublütige Abstammung jedoch nicht, die Familie galt als verarmt. Auch sonst stand die Jugend des jungen Ilia nicht unter einem guten Stern. Als er 10 Jahre alt war, starb seine Mutter, am 4. Mai 1848. Sein Vater starb, als Ilia 15 Jahre alt war. So wuchs er bei seiner Tante Makrine Tschawtschawadse-Eristawi auf, die sich nun um die Erziehung ihrer fünf Neffen kümmern musste. Das Trauma, das Ilia durch den frühen Tod seiner Eltern erlitt, gilt als wichtiger Faktor für sein späteres literarisches Schaffen. Zudem starb sein Bruder Constantine bei einem Aufstand in Dagestan.

Schule in Tbilissi

1848 kam Ilia Tschawtschawadse zur schulischen Ausbildung in ein Internat in Tbilissi. 1851 wechselte er auf das Gymnasium. Als ihn dort 1852 die Nachricht vom Tod seines Vaters ereilte, bedeutete dies einen schweren Schlag für den jugendlichen Ilia. Wegen schlechter Leistungen musste er die Schule verlassen. Nach einer Zeit der Trauer gelang es ihm jedoch, wieder in den Schulbetrieb zurückzukehren. Im Jahr 1857 machte er am 1. Klassischen Gymnasium in Tbilissi sein Abitur.

Studium in St. Petersburg

Im gleichen Jahr ging Tschawtschawadse nach St. Petersburg, um dort ein Studium der Rechtswissenschaften aufzunehmen. Die Ausnahmeprüfung absolvierte er erfolgreich. 

Im Sommer 1859 wurde Tschawtschawadse wegen des ungewohnten Klimas in der russischen Stadt krank und kehrte für einige Monate zur Erholung nach Georgien zurück. Im Herbst des gleichen Jahres ging er wieder nach St. Petersburg. 

Zu dieser Zeit zeichnete sich bei Tschawtschawadse bereits ein starkes politisches Interesse ab, das im Interesse unterdrückter Menschen stand. Er las Bücher zu diesem Thema, die sich mit den Freiheitsbewegungen in Westeuropa beschäftigten. In St. Petersburg war er Mitglied eines Zirkels von rund 30 Studenten, die Ideen der Freiheitsbewegungen aufgriffen. In dieser Zeit festigten sich Ideen bei Tschawtschawadse, bei denen es um die Freiheit für die Bevölkerung ging. Eine besondere Bedeutung für Tschawtschawadse hatte dabei die Bewegung von Giuseppe Garibaldi in Italien. 

Die Teilnahme an Veranstaltungen, die gegen das Zarenreich in Russland gerichtet waren, brachte Ilia Tschawtschawadse in Schwierigkeiten an der Universität. Nach dem Abschluss des Studiums kehrte er nach 1861 Georgien zurück.

Erste Gedichte und Hochzeit

In der Studienzeit begann Tschawtschawadse mit den ersten literarischen Arbeiten. Seine progressive Grundhaltung zeigte sich bereits in seinen ersten Werken. Weitere Informationen zu seiner literarischen Arbeit finden Sie im Kapitel Kultur der Georgienseite

Am 10. April 1863 heiratete Tschawtschawadse Olga Guramischwili. Sie sollte ihn bis zum Ende seines Lebens begleiten.

Zeitschriften und Zensur

Sakartvelos Moambe

Im Jahr 1863 gründete Ilia Tschawtschawadse seine erste Zeitschrift: „Sakartvelos Moambe“, der „Bote Georgiens“. Die Publikation erschien in monatlicher Erscheinungsweise. Diese Zeitschrift sollte nur für ein Jahr erscheinen, wurde aber sehr wichtig für die weitere literarische Entwicklung in Georgien. Man muss dabei beachten, dass es zu dieser Zeit eine rigide Zensur durch die russischen Behörden in Georgien gab.

Iweria

Ein wesentliches längeres Leben als der Bote Georgiens hatte die Zeitschrift „Iweria“, die Tschawtschawadse 1877 gründete. Die erste Ausgabe der „Iveria“ erschien am 3. März 1877. Die weiteren Ausgaben erschienen jeweils wöchentlich. Ab 1879 erschien die Zeitschrift im monatlichen Rhythmus. Inhalte der „Iweria“ waren Literatur, aber auch wissenschaftliche Arbeiten. Die russische Zensur verbot die Zeitschrift im September 1885. 

Ein Jahr später begann das zweite Leben der „Iveria“ mit einer neuen Zeitschrift unter dem gleichen Namen. Diese wurde bis 1901 herausgegeben, zum Schluss als Tageszeitung. 

Ziel der Zeitschrift war eine Auseinandersetzung mit politischen und kulturellen Themen der Zeit. Dabei ging es um das Nationalbewusstsein in Georgien, das zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehreren Jahrzehnten Teil des russischen Zarenreichs war. Auch die Lage der Arbeiterbewegung in Georgien sowie die Bildungspolitik waren Themen der „Iweria“. Schließlich spielte die Zeitschrift eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der georgischen Schrift. 

Mit dem Ende der Sowjetunion gab es ab 1989 mehrere Versuche, die „Iweria“ wieder erscheinen zu lassen. Ausgaben der neuen Zeitschrift wurden im 21. Jahrhundert auch in Deutschland vertrieben.

Tschawtschawadse wird Richter

Die Jahre zwischen den Zeitschriften verbrachte Ilia Tschawtschawadse im Öffentlichen Dienst. Als studierter Jurist erhielt er 1868 eine Anstellung als Richter in Tbilissi mit einem Jahresgehalt von 2.400 Rubel. Im gleichen Jahr setzte man ihn als Friedensrichter in Duscheti ein, diese Beschäftigung stand in Zusammenhang mit einer Landreform.

Gründung der Adelsbank

Im Mai 1873 quittierte Tschawtschawadse den Dienst als Richter und zog zurück nach Tbilissi. Dort hatte er mit anderen Persönlichkeiten aus dem georgischen Adel wie David Kipiani und Dimitri Kazbegi die Idee zur Gründung einer Bank entwickelt. Im April 1874 gründeten sie die Adelbank nach der Genehmigung durch das Finanzministerium. Tschawtschawadse wurde im Februar 1875 Direktor der Adelsbank und behielt diesen Titel bis Juni 1905.

Russische Staatsduma

Im März 1906 wurde Ilia Tschawtschawadse als Abgeordneter in die russische Staatsduma gewählt. Er definierte mehrere Ziele seiner politischen Arbeit. So setzte er sich für die Abschaffung der Todesstrafe ein. Zudem wollte er in der russischen Staatsduma die Interessen Georgiens vertreten. 

Er nahm an zwei Sitzungsperioden teil. Die erste Sitzungsperiode dauerte vom 27. April bis zum 12. Juli 1906. Tschawtschawadse kehrte für den Sommer mit seiner Frau Olga zurück nach Georgien. 

Im Februar 1907 reisten beiden zur nächsten Sitzungsperiode wieder nach Russland. Dort blieben sie bis zum Juli. Die Rückreise sollte das Ende für Ilia Tschawtschawadse bedeuten.

Attentat auf Tschawtschawadse

Auf der Rückreise nach Tbilissi waren Ilia und Olga Tschawtschawadse am 28. August 1907 kurz vor Mzcheta, als sie bei Tsitsamuri von einer Gruppe von sechs Männern angegriffen wurden. Ilia wurde dabei erschossen. Die sechs Angreifer sollen nach Berichten unterschiedlicher Quellen das Attentat nicht überlebt haben. 

Es gab eine Untersuchung der russischen Behörden zu dem Mord. Über die Hintergründe der Tat wird seit mehr als 100 Jahren spekuliert, und hätte es damals schon das Internet gegeben, wären Webseiten wie Facebook voll mit Fakten und vor allem Verschwörungstheorien. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kursierten diese Theorien zum Tod von Tschawtschawadse:

  • Die zaristische Geheimpolizei und die russische Regierung sollen den Mord in Auftrag gegeben haben, weil Tschawtschawadse eine viel zu große Popularität genoss 
  • Die georgischen Sozialdemokraten bzw. Bolschewiki sollen für den Mord an Tschawtschawadse verantwortlich sein, denn kurz zuvor hatte er ihr Regierungsprogramm scharf angegriffen 
  • Stalin soll den Mord über seinen Freund Sergo Ordzhonikidze begangen haben. Diese Verschwörungstheorie kollidiert allerdings mit der Wertschätzung, die der gebürtige Georgier Stalin Tschawtschawadse später in seinem Leben entgegenbrachte. 

Die Stelle des Attentats liegt heute an der Autobahn S-1 direkt neben der Straße. Dort steht ein weithin sichtbares Denkmal für Ilia Tschawtschawadse.

Mord als nationale Tragödie

Der Mord an Ilia Tschawtschawadse löste eine immense Reaktion in Georgien aus und wurde als eine Tragödie für das gesamte Land betrachtet. Für einen Zeitraum von 10 Tagen, vom 30. August bis zum 9. September 1907, läuteten die Totenglocken für Tschawtschawadse. Er wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Pantheon in Mtatsminda beerdigt, ein Friedhof, auf dem viele prominente Persönlichkeiten Georgiens ihre letzte Ruhe gefunden haben. Sein Grab bekam eine Abdeckung aus der Werkstatt von Auguste Rodin.

Weitreichende Folgen des Attentats

Die Ermordung von Tschawtschawadse hatte in den kommenden Jahrzehnten weitreichende Folgen für das politische Leben in Georgien. In den Jahren nach dem Attentat wuchs in Georgien das Nationalbewusstsein stärker an. Nach den Revolutionen in Russland und dem Zusammenbruch des Zarenreichs ergab sich 1918 die Gründung eines eigenen demokratischen Staates in Georgien. Drei Jahre später gelang es den Bolschewiken, dieses Experiment mit massiver Gewalt zu beenden. Ab 1921 wurde Ilia Tschawtschawadse zu einem Symbol für den Wunsch nach der Unabhängigkeit Georgiens. 

Als es Jahrzehnte später, in der Endzeit der Sowjetunion, zu einem Aufflammen des Nationalbewusstseins in Georgien kam, war Ilia Tschawtschawadse sprichwörtlich wieder in aller Munde. 1987 gründeten Dissidenten die Tschawtschawadse Gesellschaft, die es sich zur Aufgabe machte, die georgische Kultur zu stärken und auf eine politische Autonomie hinzuarbeiten. 

Als es 1989 Proteste gegen die Sowjetmacht gab, waren es Gedichte und Romane von Tschawtschawadse, aber auch sein von Politik geprägtes Leben, die zu einer antreibenden Kraft der Bewegung für die Unabhängigkeit wurden.

Von der Kirche heilig gesprochen

Eine letzte Ehre wurde Ilia Tschawtschawadse 1987 zuteil: Die georgisch-orthodoxe Kirche sprach ihn heilig und verlieh ihm den Titel Heiliger Ilia der Gerechte. 

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