Wehrtürme im Wehrdorf Schatili: Der Weg ist das Ziel!

Jetzt bin ich innerhalb von 14 Jahren siebenmal nach Georgien gereist und war noch nie in Schatili! Neben Ananuri, Tuscheti und Kazbegi zählt der Ort ja zu dem Postkartenansichten Georgiens. Und doch gab es Gründe, warum wir es bislang noch nie geschafft haben. Vor allem war bislang immer das Wetter Schuld. Denn Schatili liegt ist nicht nur von Oktober bis Mai vom Rest Georgiens abgeschnitten. In den Sommermonaten kann es dort auch bei Schlechtwetter ungemütlich werden. Dabei ist Schatili etwas wirklich besonderes: In diesem Wehrdorf leben die Bewohner in Wehrtürmen, die Ihnen bei Auseinandersetzungen einen sicheren Rückzugsort bieten. Zudem ist Schatili eines der bekanntesten Fotomotive in Georgien.

Von der georgischen Heerstraße eintauchen in Chewsureti

Doch im Sommer 2015 standen dann alle Zeichen auf Grün. Wir packten das SUV eines Verwandten mit Gepäck voll, ließen den Tank bis zur Halskrause mit Benzin auffüllen und machten uns auf den Weg zur Georgischen Heerstraße. Vor der Staumauer in Dzschinwali ging es dann nach Osten. Die Strecke ist von der georgischen Heerstraße aus rund 100 km lang. Wir haben fast fünf Stunden dafür gebraucht.

Die ersten rund 20 km ist die Straße asphaltiert und trotz der üblichen Schlaglöcher flott passierbar. Langsam fährt man nun ein Flusstal entlang in die Höhe. Und obwohl der Asphalt nach einer halben Stunde Fahrt aufhört, bleibt die Trasse der Straße recht breit. Zudem führt neben der Straße eine Hochspannungsleitung entlang. Ein Museum bietet einen Einblick in das Leben in diesem Teil Georgiens an. 

Lost Place in Georgien: Tunnel unter dem Kaukasus

Nach rund 50 km taucht am Straßenrand dann ein riesiger Betonklotz auf. Wir halten vor dem Bauwerk an. Es braucht einigen Abstand, um die Ausmaße dieses Bauwerks zu erfassen. Wir befinden uns mitten im georgischen Nichts, und hier solch ein Riesenbauwerk. War hier etwa die Abwehrzentrale der Roten Armee für den Dritten Weltkrieg geplant?

Später am Abend wird unser Gastgeber uns berichten, was es mit dem Bauwerk auf sich hat. In der Zeit der Sowjetunion war hier ein Tunnel für Bahn und Autoverkehr geplant. Dieser sollte den Hauptkamm des nördlichen Kaukasus unterqueren und die Fahrstrecke bis Wladikawkaz um bis zu 400 km verkürzen. Dafür sind offenbar bereits einige Anstrengungen unternommen worden. Denn ab diesem Tunnel wird die Straße nach Schatili spürbar enger, und die Hochspannungsleitung verschwindet auch. Offenbar sollte diese Leitung die Stromversorgung der Bahnstrecke sichern.

Wie ich schon in einem anderen Bericht dieses Jahres schrieb: Wir waren im Juni in Eifel und Mosel unterwegs. Neben der Burg Eltz habe ich einen Bahntunnel an der Mosel besucht, der zum Ende des 1. Weltkriegs gebaut und nie in Betrieb genommen wurde. Der knapp 2,5 km lange Tunnel ist nicht mehr zugänglich, die Eingänge sind nach dem 2. Weltkrieg zugeschüttet worden.

Ein vergleichbares Schicksal scheint auch diesem Projekt in Georgien beschieden gewesen zu sein. Das Portal hat drei Tunnelröhren. Die mittlere Röhre ist die größte, die beiden seitlichen Röhren sind vom Durchmesser her kleiner. Ich bin in die mittlere Röhre hineingeklettert, diese geht rund 20 m in den Berg hinein und ist dann verschlossen. Ohne Schildvortriebsgerät kann ich nicht auf die Schnelle feststellen, ob der Tunnel weiter in den Berg hingeht.

Der Eingang zur Röhre selber ist bis in ca. 2 m Höhe zugeschüttet. Hier liegen mehrere Bauteile aus Beton herum. In Höhe des Eingangs ist deutliches Rauschen von Wasser vernehmbar.

Einige Meter die Straße weiter herunter steht ein dreistöckiges Gebäude, dessen Fenster allesamt entfernt worden sind. Dies könnte, wie man es z. B. von Tunnelbaustellen aus der Schweiz her kennt, ein Wohngebäude für die am Bau beteiligten Arbeiter sein. Zum Fluss hin ist noch ein Fundament eines weiteren, kleineren Gebäudes zu erkennen. Alles zusammen wirkt wie ein großer Fremdkörper an der Strecke.

Die Straße wird, wie oben beschrieben, nun deutlich schmaler und hat keine Stromleitung mehr. Sie ist bislang nach Norden ausgerichtet gewesen. Nun knickt die Trasse nach Osten ab und führt auf den höchsten Punkt der Strecke: den Bärenkreuzpass.

Auf der Fahrt dorthin sieht man mehrere Ortschaften entlang der Strecke. Wie auch in anderen Teilen Europas verlassen gerade junge Menschen diese Orte. Ich habe mehrere Siedlungen gesehen, die komplett verlassen waren. In anderen waren die Bewohner gerade dabei, die Häuser zu renovieren. Das Leben geht hier also weiter.

Auf jeden Fall sollte man die am Rande der Straße stehenden Wehrtürme und Ruinen aufsuchen. An den Ruinen offenbart sich die Art und Weise, mit der diese Bauwerke kunstvoll durch das Aufschichten von Steinen errichtet worden sind. Man sollte auch mal anhalten und das Panorama auf beiden Seiten des Passes genießen. Das lohnt sich vor allem dann, wenn man ein anderes Auto vor sich hatte und dessen Staub nicht in der Lunge haben will.

Auf dieser Strecke gibt es keine Tankstelle für Autos. Man sollte also den Tank seines Wagens gut füllen, was vor allem für unseren Schluckspecht galt, der sich auf 300 km Strecke ab Tbilissi den Tank fast vollkommen leergenuckelt hat. Was man nicht in gleichem Maße braucht, ist Wasser. Alle paar Kilometer fährt man entweder durch Wasser auf der Straße, sieht einen Wasserfall am Wegesrand oder hat eine Quelle, an der man klares Quellwasser zapfen kann.

Nach einem halben Tag Fahrzeit erreichen wir endlich Schatili. Unser Fahrer ist hier mit einem alten Freund verabredet, der an der Einfahrt zum Ort ein Hotel selbst aufgebaut hat. Wir werden hier die kommenden beiden Nächte bleiben und Schatili erkunden.

Weitere Informationen

Mehr und größere Bilder aus der georgischen Region Chewsureti haben wir in dieser Bildergalerie Bergregion Chewsureti für Sie zusammengestellt.

Lost Places in Georgien: Ein Tunnel unter dem Kaukasus

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