„Was machen wir jetzt?“ Merlin rieb sich die Stirn, überlegte sich, ob er sich die Haare neu färben sollte.
„Gehen wir doch ins Unikum.“
Die Umstehenden sahen Svenja entgeistert an, sie kannte sich in Köln absolut nicht aus, woher um alles in der Welt kannte sie jetzt das Unikum?
„Einfach so.“ Sie legte dieses merkwürdige Lächeln auf. „Eine Eingebung.“ Und damit würgte sie jede weitere Diskussion ab.
Die Nacht fiel über das besetzte Haus herein, jemand setzte einen Ofen in Gang, auch die Dusche funktionierte wieder. Alles deutete auf einen gemütlichen Abend hin, wie geschaffen dafür, dass heute die Polizei anrücken und räumen sollte. Merlin horchte in sich hinein und war der Meinung, dass sie heute Abend nach Hause kommen können und noch ein Haus vorfinden werden und keine Ruine. Sie machten sich auf den Weg ins Unikum.
Stiltskin und die Manic Street Preachers tauchten die Tanzfläche in eine Punk- und Grunge-Stimmung, die Marc und Brigit die Haare wild durch die Gegend werfen ließ. Die Belüftung in der alten Mensa an der Universitätsstraße glänzte seit jeher durch Abwesenheit, so dass sie ordentlich ins Schwitzen kamen. Als „Motorcycle Emptiness“ zu Ende ging, hatte Marc ein dringendes Bedürfnis nach einem Bier, nickte Brigit zu, die ihm nachkam.
„Ihr könnt 'rein, ist in Ordnung.“ Der persische Chef des Abends hinter der Theke fuchtelte mit dem Zeigefinger vor den Autonomen herum. „Aber wenn ich irgendwas von Euch höre, werfe ich euch 'raus. Verstanden?“
„Es wird nichts passieren.“ Svenja hatte einen sicheren Ausdruck im Gesicht. „Ich weiß es.“
Sie holten sich eine Runde Kölsch, nur Merlin trank Wasser. Ein Mann und eine Frau, beide recht schweißüberströmt, deutlich unterschiedlich gekleidet, näherten sich der Theke neben dem Eingang.
„Der Punk“, dachte Marc.
„Der Schnorrer“, dachte Merlin.
„Sie ist es!“ sagte Marc.
„Jetzt ist es soweit“, dachte Svenja.
„Die sind verrückt“, dachte Brigit.
Wie in Zeitlupe ging Marc auf die Frau zu, die ihm zweimal im Traum erschienen war und wegen der er ein Affentheater in der Bahn aufgeführt hatte. Sie stellte ihr Glas beiseite, ging zurück, aus der Tür, nicht ohne ihm einen tiefen Blick aus ihren offenen braunen Augen zuzuwerfen, der eine Aufforderung enthielt.
Vor der Tür trafen sich die beiden Menschen, die nicht wussten, dass eine Macht sie ausgesucht hatte, sich zu finden.
„Wer bist du?“ Marcs Finger strichen ratlos über ihre Stirn, über ihre Nase, über ihre Wange.
„Das wirst du noch erfahren, Investigator.“ Sie griff in die Tasche ihrer Jeans.
„Woher kennst du meinen Titel?“ fragte Marc sie, fasste unwillkürlich nach dem Holzschwert an seinem Gürtel.
Svenja reichte ihm den Gegenstand, den sie die ganze Zeit in ihrer Tasche trug, legte ihn in Marcs Hand. Er sah auf ihre Hand, dann auf ihr Gesicht, sie hatte ein breites Lächeln aufgelegt. Und sie hatte ein wunderbares Gebiss, in der Jugend regelmäßig vom Zahnarzt betreut. Kein einziger Zahn fehlte.
In Marcs Hand lag ein Schneidezahn.