Eine laue Sommernacht lag über Köln. Fast den ganzen Tag über hatte die Sonne auf die Stadt geschienen. Genauso wie sich die Bienen und die Kaninchen nach der Zeit der Kälte, des Hungerns und des Sterbens auf die Suche nach neuem, frischen Gras machten, so waren die Menschen aus den geheizten Wohnungen und Büros gestürmt. Sie hatten sich in die Sonne gelegt, hatten sich am Rhein mit dem ersten Eis des Jahres ans Ufer gesetzt. Manche hatten sich auch ein Kölsch unter freiem Himmel gegönnt.
So auch Timo und Igor. Die beiden Kollegen waren nach dem harten Alltag bei ihrem Buchhalter in die Altstadt gefahren, hatten am Rheinufer ein paar Kölsch gekippt und waren im Irish Pub versackt. Sie hatten zwar ein paar Frauen angebaggert, dabei aber eine Ladung Körbe kassiert.
Nun saßen beide in der letzten Bahn der Linie 12 Richtung Niehl, um nach Hause zu fahren. Natürlich waren die Erlebnisse der letzten Stunden wichtiges Thema zwischen beiden. Sie konnten laut reden, sie störten Niemanden, denn seit die Bahn aus Nippes heraus war, hatten sie die den letzten Waggon für sich alleine. Durch das gekippte Fenster oberhalb ihrer Sitzgruppe strich ein leichter Fahrtwind über ihre Haare.
„Die Kellnerin“, lallte Timo, „hast du die gesehen?“
Er machte mit beiden Händen eine Bewegung unterhalb der vom Bier geformten Wölbungen an seiner Brust.
„Alles Silikon“, lallte Igor. „Die hat sich bestimmt aufblasen lassen.“
„Blasen, jawoll!“ lachte Timo dreckig auf.
Der Fahrer der Bahn am anderen Ende des Zuges bekam von der intellektuell hochstehenden Unterhaltung der beiden Kollegen nichts mit. Im Gegensatz zu vielen Fahrgästen war er nicht nur stocknüchtern, er fuhr auch sehr konzentriert. Denn der Zug der KVB verließ nun den zivilisierten Bereich in Longerich und bog vor einer blau leuchtenden Tankstelle in Richtung Niehl ab. Hier führte die Strecke durch ein Waldstück, in dem die Scheinwerfer der Bahn die einzige Lichtquelle waren. Und auch diese hatten Mühe, die Schatten der Bäume und Sträucher rechts und links des Einschnittes für die Bahn aufzuhellen. Der Fahrer wusste, dass er hier genau hinsehen sollte. Denn manch ein Verzweifelter warf sich hier gerne vor die Bahn.
Instinktiv wandte der Fahrer den Kopf zur Seite. Das Licht seiner Scheinwerfer streifte etwas, das wie ein Mann neben den Gleisen aussah. Er nahm Tempo weg, erwartete wieder einen dieser Selbstmörder vor seinen Rädern. Aber der Mann neben den Gleisen blieb stehen, schien sich nicht vor seine Bahn werfen zu wollen. Er schien einen Blaumann zu tragen, mit ein paar glitzernden Streifen, so wie die Kollegen von der KVB. Zudem hatte er eine Lampe in der Hand. Damit leuchtete er auf zwei Gegenstände neben dem Gleis.
Gerade in den Moment, als der Fahrer an dem Mann mit der Taschenlampe vorbeifuhr, als er schon wieder Strom auf die Motoren geben wollte, sah er die beiden Gegenstände genauer, auf die der Mann leuchtete. Der Fahrer brauchte kaum einen Wimpernschlag, um zu erkennen, um was es sich dabei handelte.
Mit einer Vollbremsung brachte der Fahrer die Bahn nach kaum einer Wagenlänge zum Stillstand. Er zögerte einen Moment. Dann griff er in eine Klappe an der Seite neben seinem Armaturenbrett, nahm eine Taschenlampe heraus und ging aus dem Führerhaus. Wohl in seiner Brust war ihm dabei nicht. Lieber hätte er noch eine Waffe oder wenigstens einen Knüppel in der Hand gewusst.
Igor flog krachend mit seinem Schädel gegen Timos Brust. Benommen richtete er sich auf, kratzte sich an der Stelle des Kopfs, die gegen die Jacke seines Kollegen geschlagen hatte.
„Was ist das denn für ein Penner!“ brüllte Igor. „Den werde ich verklagen.“
Timo wollte etwas sagen, sah aus dem Fenster. Er konnte den Fahrer sehen, der gerade an der Bahn entlang ging und den Damm neben dem Gleiskörper ableuchtete. Im ersten Aufleuchten des Lichtstrahls sah er, auf was der Fahrer leuchtete. Er drehte den Kopf zum Gang hin und verteilte die letzten Frikadellen und das Guinness aus dem Pub auf dem Boden der Bahn. Igor stammelte nur noch, als er den Anblick direkt vor dem Fenster sah. Er war mit einem Schlag stocknüchtern.
Der Fahrer leuchtete kurz auf die beiden leblosen Gestalten, die seltsam verkrümmt neben der Bahn lagen. Ein Geruch von einem viel zu lange auf dem Grill gegartem Braten stieg ihm in die Nase und verscheuchte jeglichen Gedanken an eine späte Mahlzeit an der Endhaltestelle. Dann leuchtete er dem Mann ins Gesicht, der wenige Meter neben den beiden Toten stand. Der Blick des fremden Mannes löste sich nicht von den beiden Gestalten neben den Gleisen.
„Was machen Sie hier?“ fragte der Fahrer mit leicht unsicherer Stimme.
„Die... Die haben mich gerade angerufen“, stotterte Kevin. „Die Kabeldiebe... Ich glaube, wir haben einen davon.“
Der Fahrer hatte keinen blassen Schimmer, mit was für einem Kranken er es gerade zu tun hatte.
„Wer hat Sie angerufen?“ fragte er misstrauisch.
„Die Leitstelle“, antwortete Kevin ein wenig gefasster und löste den Blick von den Leichen, blickte den Fahrer an. „Ihre Kollegen. Da hat wieder einer versucht, das Kabel aus dem Trafo zu reißen.“
Der Fahrer richtete den Lichtstrahl seiner Taschenlampe auf den Transformator neben dem Bahndamm. Die Tür war aufgebrochen. Ein Kabel hing heraus. Er verlor sein Misstrauen ein wenig.
Kevin leuchtete mit seiner Taschenlampe auf den Mann, der näher zu ihm lag. Der Mann trug ein Jackett. Sein Hals zeigte eine riesige Wunde. Über allem lag der Geruch von angebranntem Fleisch, so als habe ein halbes Schwein viel zu lange auf dem Grill gelegen.
„Rufen Sie die Leitstelle an“, seufzte Kevin. Dann nannte er den Namen des Mannes vor seinen Füßen. Er hieß Rosintzky.