Leseprobe aus dem Roman Georgische Wurzeln von Thomas Berscheid

Auf dieser Seite stellen wir Ihnen einen Auszug aus dem Roman “Georgische Wurzeln” von Thomas Berscheid vor. Sie können einen Teil der Handlung lesen, als MP3-Datei hören oder als Video verfolgen.

Video: Sopiko zeigt Jan ein Bild des Ensembles

Video: Sopiko zeigt Jan ein Bild des Ensembles
Zum Hören: Sopiko zeigt Jan ein Bild des Ensembles

Sopiko zeigt Jan ein Bild des Ensembles

Sie wollte laut schreien. Sah Jan in die Augen. Und stärker als zuvor sah sie dort etwas, das wie ein ehrliches Interesse aussah. In ihr fiel ein Damm, den sie über viele Jahre errichtet hatte. Und so brandete die Geschichte ihrer Familie aus ihr heraus. Vom Großvater, der in den Großen Vaterländischen Krieg gezogen war. Der in Kriegsgefangenschaft geraten war und nicht in die Sowjetunion, nicht in die georgische sozialistische Republik zurückkehren konnte, weil Stalin alle Kriegsgefangenen zu Verrätern erklärt hatte, die eine Gefangennahme dem Heldentod vorgezogen hätten. Erzählte von den Briefen, die Demetre ihren Eltern geschickt hatte, in denen nie etwas persönliches stand, weil der KGB sie ebenfalls las. Und von der Chance, die sich ergeben hatte, nachdem der Eiserne Vorhang gefallen war. 

„Darüber habt ihr euch gestritten?“ fragte Jan. Das Messer steckte noch in seinem Brötchen. Sie waren mittlerweile die letzten Gäste im Frühstücksraum. 

„Er muss Stunden geben“, sagte Sopiko enttäuscht und blickte auf den Parkplatz, auf dem Iraklis Vectra gestanden hatte. 

„Kennst du denn den Ort?“ fragte Jan. „Frankreich ist groß.“ 

„Das muss ganz in der Nähe sein“, sagte Sopiko. Sie griff in ihre Tasche. Ein leicht zerknitterter Brief kam zum Vorschein. Daneben ein Bild. 

Jan warf einen kurzen Blick auf das schwarzweiße Bild, auf dem er schemenhaft mehrere junge Männer wahrnahm. 

„Was sind das für Leute?“ fragte er. 

„Das war sein Ensemble“, antwortete Sopiko. „Vielleicht habe ich die Liebe zur Musik von ihm geerbt.“ 

„Er war Musiker?“ fragte Jan und zeigte auf das Bild. „Weist du, welcher von ihnen...“ 

„Der zweite von links“, sagte sie und tippte vorsichtig auf die Aufnahme. 

Jan rieb sich die Finger an der Serviette sauber, fasste das Bild an einer Ecke an. 

„Das ist dein Großvater...“ sinnierte er. „Und das ist... Wie hieß sein Instrument noch mal? Du hast mir gestern Abend...“ 

„Panduri“, antwortete sie mit einem leichten Lächeln. „Nicht schlimm. Wie die Jungs gestern Abend.“ 

Jan nahm den Brief, las die Adresse. Ein Ort in Frankreich, den er von der Karte her kannte. Der weitere Inhalt war in Russisch abgefasst. 

„Was steht da?“ fragte er. 

Sopiko schilderte ihm den Inhalt der knappen Sätze. Sie hatte sie schon so oft gelesen, dass sie nicht mehr auf den Brief zu schauen brauchte. 

„Warte“, sagte Jan und sprang auf. Sopiko sah ihn ein paar Sekunden später auf dem Parkplatz zu seinem Auto hasten. Er nahm etwas vom Rücksitz. Dann winkte er ihr mit dem Autoatlas zu. 

Er rückte den Teller mit dem Brötchen beiseite, schlug im Register den Namen des Ortes nach. 

„Sochaux“, murmelte er. Fand die Seite. Schlug sie auf. 

„Das ist wirklich nicht weit von hier“, sagte er dann. 

Er drehte den Atlas zu Sopiko hin. Setzte den einen Finger auf die Stadt in Frankreich und den anderen auf Heidelberg. Viel Raum zwischen beiden Fingern war nicht. 

„Gut zwei Stunden Fahrzeit“, schätzte er. „Da könnten wir hinfahren.“ 

Er sah Sopiko an. Ihre Miene heiterte sich auf.