„Tenhoven, mach schon!“ drängelte Marwik.
Henry hörte nicht darauf, was der Lehrer sagte. Er lief an, zählte die Schritte durch, beschleunigte, fixierte die Latte mit seinen Augen, wurde schneller und schneller. Ah, er hatte sich verschätzt. Er bremste kurz ab, zwei kurze Doppelschritte, jetzt nur nicht abbrechen, nur etwas verzögern. Jetzt stimmte der Anlauf perfekt. Zwei, drei, vier Doppelschritte, dann der Letzte. Er gab sich mit dem linken Bein einen kleinen Drall nach rechts, das rechte Bein kam leicht angewinkelt auf. Der perfekte Anlauf. Der perfekte Absprung. Der perfekte...
Das ohrenbetäubende Trillern der Pfeife ließ Henrys Muskeln genau in dem Bruchteil einer Sekunde erschlaffen, als sie alle Kraft in den Absprung legen mussten. Aus einem Sprung in den Himmel wurde ein müder Hopser. Henry drehte sich, aber er kam nicht in die Höhe. Mit der Schulter erwischte er die Latte, die mit einem sirrenden Geräusch aus der Halterung flog. Henry touchierte mit dem Hintern die Matte und klappte nach hinten weg.
„Übergetreten!“ schrie Marwik. „Lernst du das nie?“
Henry stand auf. Eine Niederlage. Er atmete schwer. Aber nicht wegen der Anstrengung. Eine unglaubliche Wut fraß sich durch seinen Bauch und ließ sein Gesicht zu einem roten Ball aufglimmen.
„Der Anlauf war perfekt“, sagte Henry und stand auf.
„Das zu bewerten, ist meine Sache“, antwortete der Sportlehrer von sich selbst überzeugt.
„Nein, das ist es nicht“, gab Henry zurück und ging auf Marwik zu. „Sie haben mit Ihrer blöden Pfeife alles ruiniert.“
„Weil du den Anlauf nicht auf die Reihe bekommen hast, Tenhoven“, stocherte Marwik weiter. „Du bist und bleibst ein Versager.“
„Und warum lassen Sie uns dann nicht die Sportarten üben, in denen wir gut sind?“ fragte Henry. „Laufen zum Beispiel. Das macht die Hälfte des Kurses im Verein. Und das kann die Hälfte des Kurses verdammt gut.“
„Ist doch lächerlich“, wehrte Marwik ab.
Henry trat näher an Marwik heran. Eigentlich wagte es kaum ein Schüler, sich auf weniger als Beinlänge an Marwik anzunähern, denn in dieser Entfernung konnte Marwik schwere Verletzungen erzeugen, so wie er es mit Dietz getan hatte. Egal was die Anderen gerade machten, sie richteten die Augen auf die beiden Kontrahenten. Eine Latte fiel zu Boden und erschlug eine Maus. Niemand merkte es. Der ganze Kurs hatte nur Augen für Henry und Marwik.
„Dann mache ich Ihnen einen Vorschlag“, sagte Henry und trat auf Armeslänge an Marwik heran. „Ich fordere Sie zum Duell auf. Wir beide laufen zusammen die 10.000 Meter. Wenn Sie auch nur einen Funken Ehre im Körper haben, nehmen Sie die Wette an.“
Auf dem Platz war es so still, dass sich selbst die Fliegen wunderten, ob die erstarrten Jugendlichen lebendig oder plötzlich in Todesstarre verfallen waren. Einige hatten aufgehört, ihr Gehirn mit Sauerstoff zu versorgen.
Dann hallte plötzlich ein Lachen über den Platz. Ein angestrengtes, verächtliches Lachen aus dem Munde des Sportlehrers. Er musste Atem holen. Henry nutzte die Atempause.
„Sie haben also keine Ehre im Leib“, sagte Henry langsam, aber bestimmt, ohne Marwik auch nur den Bruchteil einer Sekunde aus den Augen zu lassen.
Schlagartig verstummte der Sportlehrer. Sein Gesichtsausdruck wechselte ebenso schnell wie die Farbe um seine Nase.
Er trat einen Schritt auf Henry zu, der nicht den geringsten Anschein machte, zurück zu weichen.
„Also gut“, sagte Marwik dann. „Morgen nach dem Unterricht. 14:00 Uhr. Und Gnade dir Gott, Tenhoven.“