Das Handy brüllte genau in dem Moment, als Hoppe sich die Zähne putzte. Er spie aus, gurgelte kurz den nach Pfefferminz schmeckenden Schaum in das Waschbecken und rannte zum Schlafsofa.
Er meldete sich mit undeutlicher Aussprache.
„Leitstelle Viersen“, kam die Antwort. „Eine Leichensache in Grefrath.“
„Moment.“ Hoppe klemmte sich das Siemens zwischen Schulter und Ohr, nahm sich einen Kuli und schrieb sich den Fundort auf.
Dann wischte er sein Handy ab.
Er warf einen Blick aus dem Fenster seiner 2ZKDB-Wohnung. Draußen senkte sich der Nebel, den die Niers die Nacht über in die Luft gelassen hatte. Auf dem Fenster im Bad hatten sich auf der Außenseite Eisblumen gebildet. Es war kalt. Zwei Wochen vor Weihnachten hatte das Thermometer am Niederrhein das letzte Mal Werte über Null Grad angezeigt. Jetzt waren die heiligen Drei Könige gerade vorbei und der Boden fast soweit durchgefroren wie in der Antarktis.
Der Kommissar kratzte die Frontscheibe seines Golf frei, klemmte sich zwischen Beifahrertür und Hecke, um die Seitenscheiben von der Eisschicht zu befreien. Er zog an der Tür. Keine Reaktion. Er zog mit aller Kraft, mit seinem gesamten Körpergewicht. Mit einem Geräusch wie von einem kalbenden Gletscher riss die Tür auf. Hoppe landete in der Hecke. Fluchte. Rieb sich den Raureif von den Ärmeln. Er setzte die vier Zylinder in Bewegung. Die Anzeige im Armaturenbrett zeigte 15 Grad unter Null. Sein Atem schlug sich als dünner Eisfilm sofort auf der Innenseite der Frontscheibe nieder. Hoppe fluchte und versuchte sich mit dem Leder Durchblick zu verschaffen. Es würde sich nicht gut in seiner Dienstakte machen, wenn er jetzt einen der Schüler über den Haufen fahren sollte, die gerade mit dem Rad ins Schulzentrum fuhren.
Von Wachtendonk nach Grefrath waren es nur wenige Minuten mit dem Auto. Nicht lange genug, damit der Motor die Heizung im Wagen zur Arbeit bewegen konnte. Die Bäume entlang der Straße in Höhe der Neuen Stadt in Kempen waren mit einer Eisschicht überzogen, die wie Zuckerguss aussah.
Am Beginn des Feldweges von der Grunewaldstraße zum Jansenhof ging es für die Menschen, die sonst jeden Morgen den Feldweg nutzten, nicht weiter. Ein Streifenwagen sperrte sie aus. Hoppe verschaffte sich mit dem Dienstausweis freie Fahrt.
Ein anderer Passat mit grünen und grauen Lackschichten stand im Feld. Hoppe besah sich die Lage. Drei Polizisten, ein junger Mann, der sein Trekking Rad in der Hand hielt und mit einem der Uniformträger sprach. Ein Hollandrad lag im Feld, und daneben ein Etwas, das durch ein Tuch abgedeckt war. Hoppe steuerte seinen Golf ins Feld, nahm eine Daunenjacke vom Rücksitz und zog sie über seine Jeansjacke.
„Morgen, Kollegen“, sagte Hoppe zu dem Mann mit drei Sternen auf der Schulter. „Bringen Sie mich auf den Stand der Dinge. Wer sind die Leute hier, die keine Uniform tragen?“
„Der Tote ist Joseph Jansen, Bauer vom Hof nebenan“, sagte HK Schmeiske und zeigte mit einer Hand auf den Erbhof der Familie. „Gefunden hat ihn der junge Mann dort.“ Er wies auf den Radfahrer, der sich durch Hopsen warm zu halten versuchte. „Tatort ist abgesperrt, die Spurensicherung ist auf dem Weg hierher.“
„Alle Personalien aufgenommen?“, fragte Hoppe.
„Von allen mit und ohne Atmung“, antwortete Schmeiske, „die nicht zur Polizei gehören. Ich habe den Notarzt angefordert. Will mir hinterher nicht vorwerfen lassen, dass der Mann noch gelebt hat.“
Er zeigte Hoppe seine Notizen. Der bedankte sich mit einem kurzen Nicken. Hoppe ging zur Leiche, nahm eine Ecke des Tuchs hoch und warf einen Blick auf den Mann. Das Erstaunen über sein Ableben stand Bauer Jansen ins gefrorene Gesicht geschrieben.
Der Schüler bibberte. Viel zu erzählen hatte er nicht. Er hatte sich gerade warm gefahren, als er etwas im Feld gesehen hatte. Hoppe notierte die dünnen Fakten. Der Schüler stieg auf sein Mountain Bike und gab seinem Trek ordentlich die Sporen, um wieder warm zu werden.
Von der Umgehungsstraße her näherten sich zwei Fahrzeuge in weiß und rot mit Blaulicht. Die Notärztin sprang vom Beifahrersitz des Volvo und griff sich den Koffer aus der Heckklappe. Der Zivi aus dem Rettungswagen nahm die Decke weg. Sie griff ans Handgelenk, kurzes Leuchten in die Pupillen. Keine Reaktion. Keine Atmung im Stethoskop.
„Und?“ fragte Hoppe.
„Erfroren“, antwortete Dr. Nolte. „Das ist aber nur mein erster Eindruck. Hat jemand von Ihnen die Jacke geöffnet?“
„Nein“, sagte Hoppe. „Am Tatort ist nichts verändert worden.“
„Kein Mensch legt sich bei der Scheißkälte freiwillig hin und zieht sich dann halbnackt aus“, dachte Dr. Nolte laut nach. Sie sah dem Bauern ins Gesicht. „Er hat Abschürfungen an der Wange.“
Dr. Nolte packte ihren Koffer zusammen.
„Dann geh ich jetzt wieder ins Warme“, sagte die Ärztin und verschwand im Volvo, der sich als einziger bei den Temperaturen hier wohl fühlte. Hoppe deckte den Bauern wieder zu und ging zu Schmeiske.
„Lassen Sie Ihre Leute die Feldwege absuchen“, gab er in Auftrag. „Der Mann ist wahrscheinlich gestürzt. Hat vielleicht Blutflecken hinterlassen. Außerdem wird den Jungs dann warm.“
Hoppe warf einen Blick auf den Feldweg. Die Sonne stieg langsam über den Horizont und versuchte ihre Strahlen durch den Nebel der Niers zu schicken.
„Von wem ist das Blut?“ fragte Hoppe und wies auf einen braunen Fleck auf dem Feldweg.
„Der ist von einem Dackel“, antwortete Schmeiske. „Ist gestern Opfer eines Kleinwagens geworden. Die Halterin hat uns am Nachmittag informiert.“
Schmeiske winkte seinen Schupos und schickte sie auf den Asphalt. Hoppe ging zu seinem Golf, zog sich ein Paar Latexhandschuhe über und nahm eine Doppelseite des Nierstaler Boten heraus. Die Proben zur großen Gala der Grefrather Bürgerwehr 1820 e. V. und das Programm der Prunksitzung. Er legte das Blatt neben der Leiche aus, durchsuchte die Taschen von Jansen. Eine Brieftasche mit Ausweis, ein paar Euro und eine EC-Karte. Ein Schlüsselbund. Beraubt hatte den keiner.
Ein Mann räusperte sich neben Hoppe. „Chef?“
Hoppe drehte sich um. Der Fahrer des Rettungswagens. „Ja?“ fragte Hoppe.
„Können wir fahren?“ fragte der Fahrer in Rot.
„Haben Sie einen Einsatz?“ fragte Hoppe zurück.
„Nein“, antwortete der Fahrer. „Aber bei der sibirischen Kälte hier dachte ich mir...“
„Sie sind die Einzigen hier, die im Warmen sitzen“, entgegnete Hoppe leicht gereizt. „Sie bleiben solange hier, bis Sie entweder gebraucht werden oder ich Ihnen sage, dass Sie fahren können. Vielleicht kippt hier ja noch einer um.“
Der Fahrer zuckte wortlos mit den Schultern und ging zum Wagen zurück, blies seufzend eine Wolke in den inzwischen wieder klaren Morgen.
Der Polizist, der die Straße für den Verkehr sperren sollte, war gerade in einer angeregten Diskussion mit einer grellbunten Wollmütze, wie Hoppe registrierte. Wahrscheinlich die Putzfrau des Hofs, dachte er.
Hoppe faltete die Zeitung zusammen, stand auf. Das Feld war Ende des Herbstes abgeerntet worden, danach gepflügt und mit der Egge eingeebnet. Seit Wochen hart gefroren. Selbst wenn hier einer mit dem Panzer drüber führe, würde er keine Spuren hinterlassen.
Hoppe warf einen Blick auf die Gazelle. Der Lenker hatte Plastikgriffe, und der auf der rechten Seite hatte Schleifspuren. Unklar, ob sie von diesem Sturz oder von einem nach der Feier der St. Sebastianus Schützenbruderschaft vor zehn Jahren stammten. Das Vorderrad hatte soviel Luft wie Helmut Kohl auf dem Mount Everest. Hoppe hob das Rad an, drehte es und lies seinen Blick über die Lauffläche gleiten.
„Na, das ist ja mal interessant“, dachte er laut nach. Ein metallischer Gegenstand blickte ihn an.
Das Aufheulen eines VW Diesel weckte ihn aus den Betrachtungen. Hoppe sagte dem Kollegen Stoffels von der Spurensicherung, was er auf digitalem Datenträger für die Nachwelt aufheben sollte. Stoffels riss einen Beutel auf und schlängelte sich mit den Schuhen voran in einen weißen Einmaloverall. Ein Schrei unterbrach die Kollegen. Der jüngste der Schupos hatte die Schleifspur des Lenkers gefunden. Und einen Fetzen Leder vom Handschuh.
Hoppe sah zu, wie der Kollege im weißen Overall den Ausschnitt des Feldweges ins Bild setzte. Er suchte in seiner Tasche nach einem Kaugummi. Wieder vergessen, aufzufüllen. Seit er nicht mehr rauchte, war der gemeinsame Kauf von Tabak und Kaugummi hinfällig.
„Ist das da eine Leiche?“ fragte plötzlich eine weibliche Stimme von hinten. Hoppe drehte sich um. Eine Wollmütze mit allen Farben des Regenbogens. Die Frau darunter war dick in Daunen gekleidet und sah aus der Nähe weniger nach Putze aus.
„Wer will das wissen?“ fragte Hoppe barsch zurück.
„Janette Fischer, Nierstaler Bote“, antwortete die Wollmütze prompt und hielt ihm den Presseausweis unter die Nase. „Was gibt es für die Presse?“ Ihre dunkelbraunen Augen funkelten interessiert.
„Das ist Sache des Pressesprechers der Kreispolizeibehörde Viersen“, antwortete Hoppe förmlich. „Und jetzt verlassen Sie bitte den Tatort. Sie stören die Ermittlungen. Guten Tag.“
Hoppe drehte sich auf dem Absatz um und ging wortlos.
„Mistkerl!“ giftete die Journalistin in sich hinein und ging quer über das Feld zu ihrem Wagen zurück, den sie auf dem Parkplatz der Angler auf der anderen Seite der Umgehungsstraße gestellt hatte.
„Noch was gefunden?“ fragte Hoppe Stoffels.
„Die beiden abgerissenen Knöpfe und das abgerissene Stück vom Handschuh“, antwortete Stoffels. „Das Vorderrad sehe ich mir gleich im Labor an. Interessante Konstruktion.“
„Nur eine einzige Schraube?“ fragte Hoppe ungläubig nach.
„Nur eine, und die steckt im Reifen“, gab Stoffels zurück. „Wir haben den gesamten Feldweg abgesucht. Jede Menge Kisten von McDonalds, Papier vom Blumenladen, ein benutztes Kondom und eine halbe Lastwagenladung Underberg, aber keine Schraube.“