Kommissar Weber warf einen Blick auf den Wegweiser. Er ging in den Keller des Kreishauses, dort, wo die Mitarbeiter der VHS für eine Auffrischung des Intellektes im Kreis Viersen sorgten. Er nahm sich einen Katalog, der hier am Schwarzen Brett hin. Suchte nach der Rubrik „Übersinnliches.“ Zwischen Hexen, UFOs und Meditation wurde er fündig. Huber. Er notierte sich die Büronummer auf seinen Block.
Ein paar Schritte weiter hatte er das Büro des Dozenten gefunden. Er klopfte an. Eine dünne Männerstimme rief ihn hinein.
„Was kann ich für Sie tun?“ fragte der hagere Dozent.
„Mein Name ist Weber“, stellte sich der Kommissar vor. „Ich leite die Mordkommission Campingplatz“.
„Ah, die Leichen in Grefrath“, sagte Huber und wies auf einen Stuhl neben seinem Schreibtisch, auf dem Bücher in Schichten übereinander lagen. „Ich wohne nicht weit weg in der Nähe des Eisstadions. Das ganze Dorf redet nur noch davon. Was kann ich für Sie tun, Herr Weber?“
Der Kommissar setzte sich vorsichtig. Ihm war überhaupt nicht wohl bei dem, was ihm gerade durch den Kopf ging. Am liebsten hätte er diesen Gedanken sofort wieder aus seinem Kopf vertrieben. Aber nach 999 falschen Spuren war er bereit, alles über Bord zu werfen, was die polizeiliche Ermittlungsarbeit an Standards hatte.
„Wir suchen seit mehr als einem Monat vergeblich nach den Personen, die zwei Handwerker umgebracht haben“, begann Weber. „Bislang gehen wir davon aus, dass es sich um eine Tat handelt, die von mehreren Personen begangen worden ist. Menschen. Ich stelle mir nun die Frage, ob es sich um ein Tier handeln könnte.“
„Was für ein Tier?“
„Vielleicht ein großer Hund“, sagte Weber und wedelte mit den Armen. „Ein Schäferhund. Ein entlaufener Kampfhund. Vielleicht sind Tiere ja genauso mondsüchtig wie es manche Menschen auch sind.“
Hubers Augen verengten sich. Sein freundlicher Gesichtsausdruck bekam einen Schatten.
„Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?“ sagte er dann. „Auch wenn das Informationen sind, die nicht an die Öffentlichkeit dringen sollten?“
„Wer sagt mir, dass Sie das nicht beim nächsten Nachbarn ausplaudern?“
„Die Firma Terhorst hat bei mir die Küche und das Bad gemacht. Sehr nette Handwerker. Ich habe jeglichen Respekt vor ihnen und ihrer Familie.“
Weber nickte ihm zu.
„In der Zeitung hieß es, dass die Opfer übel zugerichtet worden seien“, fragte Huber. „Mehr Details hat Ihr Pressesprecher nicht nennen wollen. Welcher Art waren die Verletzungen?“
„Die Täter haben...“
„Bitte“, unterbrach Huber den Kommissar, „lassen wir den oder die Täter beiseite. Lassen Sie uns über die Opfer reden.“
„Beide Männer sind praktisch geschlachtet worden“, sagte Weber, und es war, als fiele eine Last von ihm, weil er nun nicht mehr etwas verheimlichen musste, sondern die gesamte Wahrheit erzählen konnte. „Beim ersten war der Schädel von der Seite eingeschlagen. Seine Bauchdecke war aufgerissen. Mehrere innere Organe waren entnommen worden und lagen neben der Leiche. Beim zweiten Fall war der Kopf vom Körper abgetrennt. Und das Schlimmste: Wir haben nicht alle Körperteile gefunden. Wir haben den Lichtwagen geholt und jedes Sandkorn umgedreht. Ein paar Muskeln und Organe fehlten.“
„Sie sagen: Der Körper ist aufgerissen worden. Welcher Art waren die Verletzungen?“
„Kein sauberer Schnitt eines Skalpells oder eines Messers. Die Verletzung deutet eher auf ein breites, scharfes Tatwerkzeug hin, das mit großer Kraft bewegt wurde. Das gleiche gilt für den abgetrennten Kopf.“
Huber schloss die Augen und atmete tief durch.
„Die Verbrechen ereigneten sich ausschließlich bei Vollmond?“ fragte er weiter.
„Genau beim Höchststand des Mondes“, nickte Weber ihm zu.
Huber stand auf, ohne ein Wort zu sagen. Weber sah ihm nach. Viele Menschen, denen er Details zu den Leichen gesagte hatte, mussten sich anschließend übergeben. Aber Huber ging ohne zu schwanken oder die Hand vor den Mund zu halten. Er stellte sich vor ein Regal mit Büchern. Nahm eines davon heraus. Blätterte darin herum.
„Ah, hier haben wir es schon“, sagte er und hielt Weber den aufgeschlagenen Band hin. Der sah den Dozenten fragend an.
„Lesen Sie“, nickte Huber dem Kommissar freundlich zu. „Und dann sagen Sie mir, ob Sie etwas Ähnliches beobachtet haben.“
Weber warf einen Blick in das Buch. In Frankreich des 18. Jahrhundert hatten seinerzeit 120 Menschen in einem Wald ihr Leben verloren. Weber las zuerst mit einer Spur von Misstrauen, von Verachtung. Das Werk irgend eines Schreibers, der mit der Polizeiarbeit des 21. Jahrhunderts so vertraut war wie der Neandertaler mit dem Internet.
Doch dann stand Weber auf, ging mit dem Buch durch die Hand durch das Büro und las vor, leise erst, dann immer lauter, was die Bestie von Gévaudan angerichtet hatte. Schließlich drehte er sich zu Huber um, mit Perlen von Schweiß auf der Stirn.
„Das ist genau das, was hier passiert ist!“ stammelte er. „Die Art, wie diese Menschen gestorben sind. Die Verletzungen. Die Tatzeit. Das ist...“
„Das Werk eines Werwolfs“, vollendete Huber den Satz.